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Tierversuche: Die Anfänge einer falschen Methodologie

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Von Galeno bis zum heutigen Zeitpunkt: Die Etappen eines Weges voller Widersprüche

Die Verwendung von Tieren in der Forschung der Humanmedizin scheint einer gewissen Logik zu entsprechen, die sich allerdings als ziemlich oberflächlich erweist. Wenn es einerseits in der Tat nicht abwegig erscheint, aufgrund der vielen Ähnlichkeiten zwischen uns und anderen Säugetieren Vermutungen zu formulieren, so sind anderseits die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen eine ganz andere Sache. Die in der Literatur verfügbaren Daten zeigen über jeden Zweifel hinaus, dass die Verwendung von Tieren für die Forschung in der Humanmedizin eine antiwissenschaftliche und kontraproduktive Methode darstellt. Wenn wir die Geschichte der Tierversuche oder Vivisektion, von ihren Anfängen an durchlaufen, sehen wir, dass sie aus Ignoranz, Egoismus, und tragischen Folgen sowohl für die Tiere als auch für den Menschen gemacht ist.


Galenos Erbe

Der Weg zum medizinischen Wissen begann mit dem richtigen Fuss. Im 4. Jahrhundert v. Chr. Wqar Hippokrates der Vater der klinischen Forschung. Noch heute liefern klinische Beobachtungen die genauesten und nützlichsten medizinischen Informationen. Der berühmteste Arzt in der Antike nach Hippokrates war Galeno Claudio aus Pegamo (129-200 n. Chr.), Arzt der Gladiatoren und von Marc Aurels Sohn. Galeno begann mit dem Studium des menschlichen Körpers, doch die Kirche erlaubte keine Autopsien mehr am Menschen, da sie diese als höchst unmoralisch erachtete. Da Galeno keine menschlichen Leichen mehr sezieren durfte, behalf er sich mit Tieren und wurde so zum Vater der Vivisektion. Galeno verband die physiologischen Daten der Tiere mit jenen der Menschen und schrieb über fünfhundert medizinische Abhandlungen, die ihn berühmt machten. Aber seine Schlussfolgerungen waren grösstenteils falsch und ungenau, zum Teil wegen der Tierversuche, zum Teil, weil er sie falsch interpretierte.
Galenos gesamte Theorie basierte auf der Annahme, dass Gesundheit und Krankheit vom Zustand der vier Körpersäfte abhingen: Dem Blut, dem Schleim, der gelben und schwarzen Gallenflüssigkeit. Galeno glaubte, dass das Blut von der Leber gebildet werde, und obschon erden Blutkreislauf erkannt hatte, war er überzeugt, dass Venen und Arterien untereinander nicht verbunden seien und dass das Blut durch unsichtbare Mikroporen im Herz selbst von einer Herzkammer zur anderen fliesse. Zudem führte Galeno den Krebs auf eine durch ein Übermass an Körpersäften hervorgerufene Entzündung zurück.
Nachfolgende Studien an menschlichen Leichen hätten viele dieser Irrtümer korrigiert. Galenos Fehler zusammen mit dem Verbot der Kirche unterbanden jedoch die medizinische Entwocklung bis ins 16. Jahrhundert.

Das grosse Erwachen – die Wissenschaft der Renaissance

Im 13. Jahrhundert veröffentlichte der Anatom Mondino die Liuzzi (1270-1326) „Anathomia“ (1316), die erste wahre Abhandlung über die menschliche Anatomie. Doch das reichte noch nicht, um sich von Galenos Erbe zu befreien; der Widerstand gegen eine Änderung der wissenschaftlichen Methoden war zu stark. Paracelsus (1493-1541), Wissenschaftler und Dozent an der Universität Basel, wurde entlassen, weil er Galenos Arbeit öffentlich verbrannt hatte. Auch die Entdeckungen Leonardo da Vincis (1452-1519) über die Arterien und die Herzklappen erhielten in jenen Jahren nicht die verdiente Aufmerksamkeit.
Schliesslich fegte der Ausbruch von Andrea Vesalio (1514-1564), einem flämischen Anatom und Arzt, das mittelalterliche Denken vom Tisch. Er begann wieder, menschliche Leichen zu sezieren und gründete die deskriptive Anatomie des Menschen in „De Humani Corporis Fabrica“ (1543). Während die früheren Veröffentlichungen Spekulationen aufgrund sezierter Tiere enthielten, begründete sich Vesalios Text, wie jener von Liuzzi, auf die menschliche Anatomie. Vesalios Entdeckungen waren der Beginn der wissenschaftlichen Revolution. Mit der Zeit und während der ganzen Renaissance wurden in den angesehensten Schulen Europas wieder menschliche Leichen seziert. William Harvey (1578-1657), englischer Arzt, Anatom und Physiologe, Student an der Universität Padua, bewies durch Autopsien, dass das Blut aus der rechten Herzkammer über die Arterien und Venen in die linke Herzkammer zirkuliert, und stiess so Galenos Theorie um. Dank Autopsien entdeckte man ebenfalls, dass das Blut durch die Lungen fliesst, um dort Sauerstoff aufzunehmen. Das beweist, dass es möglich war und ist, den Blutkreislauf zu erklären, ohne dazu Tiere zu verwenden. Die Autopsien am Menschen enthüllten den grössten Teil des Wissens über den menschlichen Körper, das wir heute als sicher voraussetzen, doch zu jener Zeit war es noch nicht so. Marie François Xavier Bichat (1771-1802) belegte zum Beispiel, dass Krebs durch Gewebewucherungen hervorgerufen wird und nicht durch ein Übermass an Körpersäften, wie Galeno angenommen hatte.
Dank dem Sezieren menschlicher Leichen wurden zahlreiche Verletzungsarten klassifiziert, tausende von Krankheiten und ihre Wechselbeziehungen zu physischen Anomalien entdeckt, und auch auf dem Gebet der Medizin und der Chirurgie wurden unzählige Entdeckungen gemacht. Die medizinische Wissenschaft schien sich endlich aus dem dunklen Zeitalter zu befreien, in das Galeno sie verbannt hatte, aber tragischerweise wiederholte sich die Geschichte selbst mit ihren Irrtümer.

Die medizinische Forschung mit Tierversuchen

Mitte des 19. Jahrhunderts schlug der Franzose Claude Bernhard (1813-78) wiederum Tierversuche vor. Bernard war kein Musterschüler, er begann die medizinische Ausbildung erst, nachdem er als Lustspieldichter gescheitert war. Schliesslich gelang es ihm, in einem Labor als Physiologe eine Anstellung zu bekommen. Bernard konnte die wissenschaftliche Gemeinschaft von der „Wirksamkeit“ der Tierversuche überzeugen und davon, dass eine im Tier nicht reproduzierbare Krankheit auch im Menschen nicht vorhanden sein konnte, dies trotz aller über den Menschen gesammelten klinischen Daten, die das Gegenteil bewiesen. Die Wissenschaftler zogen Bernards Methoden der Beobachtung des Menschen vor, da diese Methoden aufgrund der Menge der zur Verfügung stehenden Tiere viel einfacher waren. 1865 publizierte Bernard das Buch „Einführung in das Studium der Experimentalmedizin“. Darin beschreibt er das Labor als „geweihte Stätte der medizinischen Wissenschaft“ und prophezeit, dass man dank Tierversuchen weit mehr Menschen heilen können wird, als das mit klinischen Beobachtungen möglich wäre. Zudem behauptete er, dass die Wirkungen von Medikamenten und toxischen Substanzen, ausser im Unterschied ihrer Stärke, bei Menschen wie bei Tieren dieselben seien, während wir heute wissen, dass das gar nicht so ist.
1875 gründete Dr. George Hoggan, einer von Bernards Studenten, die erste englische Vereinigung gegen Tierversuche, die Victorian Street Society. Hoggan schrieb, dass er nach vierjährigem Studium mit Tierversuchen zum Schluss gekommen sei, dass keiner dieser Versuche gerechtfertigt oder nötig gewesen sei. Dennoch gewannen die Tierversuche immer mehr Boden, und kein Student oder Arzt wagte es, sie in Frage zu stellen, aus Angst vor Vergeltung oder Verlust der Arbeitsstelle. 1859 veröffentlichte Charles Robert Darwin (1809-1892), englischer Naturforscher, „Über den Ursprung der Arten“, ein Entwurf der Evolutionstheorie, die ihn weltweit berühmt machte. Gemäss dem Darwinismus ist die menschliche Spezies nicht das Ziel, auf das alle anderen Arten von Lebewesen in einer langen und langsamen Evolution zustreben. Alle anderen Arten sind ebenso dem Höhepunkt der Evolution gleichgesetzt das heisst, dass die Tiere nicht „schlechte Kopien“ der Menschen sind, und aus diesem Grund nicht für die menschliche Medizin geeignet sind. Bernard selbst lehnte die Evolutionstheorie strikt ab.


Der Irrtum der Methodenlehre dauert an

Im 19. Jahrhundert leistete der französische Chemiker und Biologe Louis Pateur (1822-1895) wichtige Beiträge zur medizinischen Wissenschaft, ohne auf Tierversuche zurückzugreifen: Die Sterilisation , die Pasteurisation und die Theorie der Krankheitserreger. Dank Beobachtungen belegte er, dass sich Krankheiten bei Kontakt durch die Übertragung von Mikroorganismen von einer Person auf die andere ausbreiten. Pasteur suchte daraufhin mit Versuchen an Hunden einen Impfstoff gegen Tollwut.

Beim Menschen halft der Impfstoff jedoch nicht, er konnte sogar tödlich wirken. Ein Zeitgenosse Pasteurs war der deutsche Bakteriologe Robert Koch (1834-1911). Koch formulierte sechs Postulate zur Feststellung, ob ein gewisser Erreger als Ursache einer bestimmten Krankheit angesehen werden konnte. Eines der Postulate lautete, dass der Mikroorganismus wenn er Tieren eingespritzt wurde, bei diesen dieselbe Krankheit hervorrufen musste. Seine eigenen Experimente dementierten jedoch dieses Postulat. Indem er mit Cholera infiziertes menschliches Gewebe verwendete, beobachtete er, dass sich weisse Mäuse mit der Krankheit nicht ansteckten. Auch mit Versuchen an anderen Tieren gelang es ihm nie, einen ähnlichen beim Menschen bekannten Verlauf der Cholera zu reproduzieren. Daher liess Koch die Mäuse sein und entdeckte dank dem Mikroskop den Erreger der Cholera. An diesem Punkt war er nun der Meinung, dass man nichts dem gewonnen Wissen über den Menschen hinzufügen könne, auch wenn man eines Tages bei den Tieren etwas Choleraähnliches erzeugen sollte. Koch verwendete wiederum Tiere beim Versuch, einen Impfstoff gegen Tuberkulose zu entwickeln, und auch diesmal waren die Wirkungen des Impfstoffs für den Menschen verheerend. Koch widerrief daraufhin die Postulate, die mit Tieren zu tun hatten. Seine Erfahrung hatte gezeigt, dass, wenn Tieren der Erreger einer bestimmten Krankheit eingespritzt wird, die Antwort von der Spezies abhängt. Kurz vor seinem Tod schrieb Koch: Der Versuch an einem Tier gibt keinen Hinweis auf das Ergebnis des gleichen Versuchs an einem Menschen. Obwohl die Zeit die vermuteten Erfolge bei den Tierversuchen nicht bestätigte, breiteten sich diese auf allen Gebieten der Medizin immer weiter aus. Und nicht nur das: jede mit klinischer Beobachtung und durch Autopsien gemachte Entdeckung wurde solange als ungültig erklärt, bis man im Stande war sie auch bei Labortieren zu reproduzieren, auch wenn das Ergebnis deutlich am Menschen zu beobachten war.
Hier einige Beispiele: Die Addison-Krankheit, benannt nach ihrem Entdecker, dem englischen Arzst Thomas Addison (1793-1860) tritt auf, wenn die Nebennierendrüsen gewisse Hormone nicht mehr produzieren können. Ihre Entdeckung wurde während dreissig Jahren ignoriert, nur weil die Forscher es nicht schafften, bei Labortieren, denen diese Drüsen entfernt worden waren, dieselben Krankheitssymptome zu erzeugen. 1895 zeigte Dr. Robert T. Morris beim chirurgischen Eingriff an einer Frau die Funktion der Eierstöcke. Der Verdienst ging jedoch 1896 an den deutschen Forscher Emil Knauer, weil er den Prozess an Kaninchen reproduziert hatte. 1904 erhielt der russische Physiologe Ivan Pavlos den den Nobelpreis für die Veröffentlichung seiner Studien über die Verdauungsmechanismen, die er an Tieren durchgeführt hatte. Andere Wissenschaftler hatten jedoch bereits Jahrzehnte zuvor dieselben Vorgänge durch direkte Beobachtungen an Menschen dokumentiert.

Ein Fenster zum Mikrokosmos

Der Einsatz des Mikroskops war entscheidend und liess die Medizin in den Erkenntnissen der Lebenssysteme einen grossen Schritt vorwärts gehen.

Das moderne Mikroskop wurde 1828 von Joseph Lister gebaut. Es führte dazu, dass die Zelltheorie akzeptiert wurde, nach der jeder Organismus durch die Erforschung seiner Zellen verstanden werden kann. Diese Erkenntnis ist für die Medizin von fundamentaler Wichtigkeit und spricht für die Argumente gegen Tierversuche. Gemäss dem deutschen Pathologen Rudolf Virchow (1821-1902) stammen alle Zellen von bereits existierenden Zellen ab. In seiner Beschreibung der Leukämie wird klar, dass sich Krankheiten auf Zellbasis ereignen und verbreiten, und die kranken Zellen gehen aus Zellen hervor, die vorher gesund waren, Dank des Mikroskops stellten die Wissenschaftler mit der Zeit viele Unterschiede zwischen menschlichen Zellen und solchen von anderen Lebewesen fest, sogar zwischen von Individuen unterschiedlicher Rassen innerhalb derselben Spezies. Bald war klar, dass die Zellen der verschiedenen Arten, auch wenn alle Zellen, pflanzliche wie tierische, gemeinsame Merkmale aufweisen, sich voneinander unterscheiden und auf Krankheiten und Therapien unterschiedlich reagieren.
Dennoch hören die Leute nicht auf zu glauben, dass die Tiere als modelle verwendet werden müssen, insbesondere die Primaten, da ihre genetische Struktur unserer sehr ähnlich ist. Unsere DNA entspricht dem der Menschenaffen zu 97-99%. Obschon dies eine bemerkenswerte grosse Ähnlichkeit darstellt, trägt sie den Unterschieden bei den Sequenzen der DNA-Basenpaare, die die Informationen für die Bildung der Aminosäuren enthalten und über die wir noch sehr wenig wissen, keinerlei Rechnung. Deshalb ist die DNA als Argument zugunsten von Tierversuchen trügerisch. Im Verlauf der Geschichte wurde eine Wiederholung desselben Schemas beobachtet: jede neue Entwicklung führt zu besseren Methoden, mit denen detaillierte Beobachtungen durchgeführt werden können. Diese Unterschiede sind es, wegen derer die Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen werden können.

Legalisierung der Vivisektion

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Zeit reif, dass die Tierversuche von der Wissenschaft für Tests neuer Medikamente akzeptiert wurden. Dazu genügte ein einziger Vorfall 1937 in den Vereinigten Staaten. Ein neues, in einer chemischen Substanz aufgelöstes Antibiotikum, das Diethylenglykol, verursachte den Tod von 107 Personen. Die Wissenschaftler verabreichten das Medikament einigen Tieren, die auch starben. Doch das war ein Zufall, der keineswegs beweist, dass alle Tierarten auf alle chemischen Substanzen gleich reagieren. 1938 hiss der amerikanische Kongress ein Gesetz gut, das die Pharmahersteller verpflichtete, die Verträglichkeit ihrer Produkte zu beweisen. Das bedeutete, dass die Produkte zuerst an Tieren gestestet wurden. Die Verantwortung für die Kontrollen der korrekten Anwendung dieser Gesetzesvorschrift wurde der Food and Drug Administration (FDA), einer Abteilung der US-Gesundheitsbehörde, übertragen.
Der zweite Weltkrieg kurbelte die Entwicklung der Pharmaindustrie wegen der enormen Nachfrage nach Antibiotika und Impfstoffen an. Um ihre Profite zu maximieren, liessen die Pharmahersteller ihre Produkte patentieren und sicherten sich die Gunst der Ärzte, indem sie ihnen grosszügig Gratismuster und sogar Reisen als Prämien anboten. 1951 wurden die meisten Medikamente rezeptpflichtig. Dadurch wurde die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pharmakonzernen gefördert, das Vertrauen der Patienten in die Medizin gestärkt und die Gewinne erhöht.

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